E-Autos gelten vielen als Brandrisiko – andere halten das Thema für reine Panikmache. Beides hilft Ihnen im Alltag nicht. Entscheidend ist, zu verstehen, wie Brände bei Hochvoltbatterien entstehen können, woran Sie eine gefährliche Situation erkennen und welche Schritte Privatpersonen im Ernstfall sicher und wirksam umsetzen können. Denn bei E-Auto-Bränden sind Mythen besonders hartnäckig: vom „unlöschbaren Akku“ bis zur Idee, man müsse nur schnell Wasser darüber kippen.
Dieser Ratgeber räumt mit neun verbreiteten Irrtümern auf – und übersetzt die Fakten in klare Handlungsanweisungen. Sie bekommen damit kein Feuerwehr-Handbuch, aber einen praxistauglichen Leitfaden für Situationen wie Rauchentwicklung nach einem Unfall, auffällige Geräusche beim Laden oder Brandgeruch in der Garage.
1) Was hinter E-Auto-Bränden wirklich steckt
Mythos 1: „E-Autos brennen häufiger als Verbrenner.“
Fakt: In der öffentlichen Wahrnehmung wirken einzelne spektakuläre Bilder überproportional. Entscheidend ist jedoch die Gesamtbetrachtung: Auch Verbrenner brennen – oft nach technischen Defekten (Kraftstoff, Öl, Elektrik) oder nach Unfällen. Bei E-Autos ist das Brandgeschehen anders, aber nicht automatisch „häufiger“. Für Sie als Privatperson ist die wichtigste Konsequenz: Gefahr erkennen und Abstand gewinnen ist wichtiger als die Debatte um Prozentzahlen.
Im Ernstfall: Wenn Sie Rauch, beißenden Geruch oder ungewöhnliche Hitze bemerken, behandeln Sie das wie einen realen Brandvorfall: anhalten, sichern, Personen raus, 112 wählen. Nicht erst abwarten, ob es „wirklich brennt“.
Mythos 2: „Ein E-Auto fängt ohne Vorwarnung spontan Feuer.“
Fakt: Häufig gehen Problemen Hinweise voraus: Warnmeldungen im Display, Rauchentwicklung, Knack- oder Zischgeräusche, starke Wärme am Unterboden, Brandgeruch oder ein sichtbarer Schaden nach einem Unfall. Kritisch ist das sogenannte thermische Durchgehen (Thermal Runaway) einzelner Zellen: Dann kann es zu starker Hitze, Gasfreisetzung und in der Folge zu Flammen kommen.
Im Ernstfall: Schon bei Verdacht gilt: sofort an einen möglichst freien Ort (wenn gefahrlos möglich), Motor aus, Insassen weg vom Fahrzeug, Abstand halten (mindestens mehrere Fahrzeuglängen), Notruf absetzen und auf Rückfragen der Leitstelle präzise antworten („E-Auto, Rauch aus dem Unterboden, Ladezustand unbekannt“).
Merken Sie sich: Das Besondere an E-Auto-Bränden ist weniger „spontan“, sondern eher „dynamisch“. Wer frühe Warnzeichen ernst nimmt, verhindert riskante Minuten des Zögerns.
2) Laden, Kabel und Wallbox: Was tatsächlich gefährlich ist
Mythos 3: „Laden im Regen ist grundsätzlich brandgefährlich.“
Fakt: Moderne Ladeinfrastruktur ist so gebaut, dass Strom erst fließt, wenn Steckverbindung, Verriegelung und Kommunikation zwischen Auto und Säule stimmen. Regen allein ist daher nicht der typische Brand-Auslöser. Riskant wird es, wenn Defekte vorliegen: beschädigte Kabel, verschmorte Stecker, lose Kontakte oder überhitzte Adapter. Dann entstehen Übergangswiderstände – und damit Hitze.
Im Ernstfall: Sehen Sie Verfärbungen am Stecker, riechen Sie „elektrisch“ oder wird der Griff ungewöhnlich heiß, stoppen Sie den Ladevorgang nach Anleitung (per Säule/Auto), fassen Sie nichts an, was schon schmort, und rufen Sie bei Rauchentwicklung 112. Ein Foto aus sicherer Entfernung kann später helfen, aber erst nachdem alle Menschen in Sicherheit sind.
Mythos 4: „Eine Haushaltssteckdose ist genauso sicher wie eine Wallbox.“
Fakt: Das gelegentliche Laden an der Schuko-Steckdose ist möglich, aber nicht „gleichwertig“. Haushaltsinstallationen sind oft nicht für stundenlange hohe Dauerlast ausgelegt. Alte Leitungen, ausgeleierte Steckdosen oder Mehrfachsteckdosen erhöhen das Risiko von Überhitzung. Eine Wallbox mit fachgerechter Installation, Absicherung und Fehlerstromschutz reduziert typische Fehlerquellen.
Im Ernstfall: Wenn eine Steckdose oder ein Ladeziegel warm wird, bricht den Ladevorgang ab, ohne am heißen Teil zu ziehen. Sicherungen nur dann ausschalten, wenn Sie gefahrlos herankommen. Brennt es bereits, löschen Sie nicht mit „irgendwas“ herum, sondern evakuieren, Tür zu (Sauerstoff reduzieren) und die Feuerwehr alarmieren.
Praktisch heißt das: Nicht „Laden“ ist das Problem, sondern mangelhafte Elektrik. Prüfen Sie Steckverbindungen, nutzen Sie geprüfte Komponenten und lassen Sie Wallboxen vom Fachbetrieb installieren.
3) Wasser, Tiefgarage und Rettung: die häufigsten Irrtümer
Mythos 5: „Wasser ist tabu – bei einem Akku darf man niemals mit Wasser löschen.“
Fakt: Für Privatpersonen lautet die Regel nicht „Wasser ja/nein“, sondern: Selbstschutz zuerst. Die Feuerwehr setzt bei Fahrzeugbränden sehr wohl große Mengen Wasser ein – vor allem zur Kühlung und um ein Übergreifen zu verhindern. Das Risiko für Laien ist jedoch, zu nah heranzugehen, den Brand falsch einzuschätzen oder sich durch Rauchgase zu gefährden. Außerdem sind handelsübliche Feuerlöscher nur begrenzt geeignet, wenn das Batteriepaket betroffen ist; sie können aber Entstehungsbrände im Innenraum kurzfristig eindämmen.
Im Ernstfall: Nutzen Sie einen Feuerlöscher nur, wenn es ein kleiner, klar begrenzter Entstehungsbrand ist und Ihr Fluchtweg frei bleibt. Sobald Rauch und Hitze stark sind: Abstand, Umgebung warnen, Notruf. Bei E-Auto-Bränden ist die Kühlung über Zeit entscheidend – das ist Aufgabe der Feuerwehr.
Mythos 6: „In der Tiefgarage ist man machtlos – da muss man bleiben und ‚beobachten‘.“
Fakt: Tiefgaragen sind kritisch, weil Rauch und Hitze sich sammeln und Fluchtwege beeinträchtigt werden können. „Beobachten“ ist das falsche Verhalten. Richtig ist: sofort evakuieren und andere warnen. Ob die Garage eine Sprinkleranlage hat oder wie die Feuerwehr anrückt, ist nicht Ihre operative Entscheidung – Ihre Aufgabe ist, Menschen herauszubringen und Informationen zu liefern.
Im Ernstfall: Alarmieren Sie über 112, nennen Sie „Tiefgarage“, Zufahrt, Ebene, Stellplatznähe und ob Personen eingeschlossen sein könnten. Nutzen Sie keine Aufzüge, schließen Sie Türen hinter sich, und gehen Sie nicht zurück, um „noch schnell etwas zu holen“.
Das Missverständnis liegt oft darin, „Löschen“ mit „Helfen“ zu verwechseln. In geschlossenen Bereichen helfen Sie am meisten durch frühes Alarmieren und konsequentes Räumen.
4) Löschen, Abstand halten, 112: So handeln Sie richtig
Mythos 7: „Die Feuerwehr kann Akku-Brände nicht löschen.“
Fakt: Feuerwehren haben Vorgehensweisen, um Brände an E-Fahrzeugen zu bekämpfen: kühlen, Brandherd zugänglich machen, Umgebung schützen, mit Mess- und Wärmebildtechnik prüfen und über längere Zeit nachkühlen. „Nicht löschbar“ ist eine Vereinfachung. Richtig ist: Ein Batteriebrand kann langwierig sein und erfordert Ressourcen. Genau deshalb ist es so wichtig, früh zu alarmieren und nicht selbst zu experimentieren.
Im Ernstfall: Geben Sie der Leitstelle konkrete Infos: Fahrzeugtyp (E-Auto/Plug-in), Ort, ob es „knallt“ oder stark raucht, ob das Auto gerade lädt, und ob Menschen in Gefahr sind. Bleiben Sie erreichbar und halten Sie Zufahrten frei.
Mythos 8: „Hauptsache Motor aus – dann ist das Hochvoltsystem garantiert spannungsfrei.“
Fakt: E-Autos trennen bei vielen Unfallszenarien automatisch das Hochvoltsystem, und Rettungskräfte können zusätzliche Trennstellen nutzen. Für Sie gilt trotzdem: nicht am Fahrzeug herumarbeiten, keine Abdeckungen öffnen, keine Kabel ziehen. Bei Rauch oder Brand ist der Innenraum außerdem wegen giftiger Gase gefährlich.
Im Ernstfall – Kurz-Checkliste für Privatpersonen:
- Auto anhalten (wenn gefahrlos möglich) und Warnblinkanlage aktivieren.
- Alle Personen raus, Abstand vergrößern, hinter Leitplanke oder in sicheren Bereich.
- 112 anrufen, klare Ortsangabe, „E-Auto“ nennen.
- Nicht zurück zum Auto, auch nicht für Gepäck, Warndreieck nur wenn sicher.
Konsequentes Handeln ist hier die wichtigste „Technik“. Ihr Ziel ist nicht, das Fahrzeug zu retten, sondern Menschenleben zu schützen und Folgeunfälle zu verhindern.
5) Nach dem Vorfall: Rückzündung vermeiden und richtig melden
Mythos 9: „Wenn die Flammen aus sind, ist die Gefahr vorbei.“
Fakt: Nach einem Batterieereignis kann es zu Wiederentzündungen kommen, weil Zellen im Inneren weiter reagieren oder erneut heiß werden. Das ist einer der Gründe, warum E-Fahrzeuge nach einem Brand oder starken Wärmereignis teilweise überwacht, abgestellt oder gesondert transportiert werden. Für Privatpersonen heißt das: Nicht „schnell wegfahren“ oder das Auto in eine Garage stellen, nur weil es äußerlich ruhig wirkt.
Im Ernstfall: Halten Sie Abstand und folgen Sie den Anweisungen der Einsatzkräfte. Informieren Sie zusätzlich Ihre Versicherung und – wenn es beim Laden passiert ist – den Betreiber der Ladeeinrichtung. Wurde das Fahrzeug abgeschleppt, fragen Sie aktiv nach dem Abstellort (möglichst im Freien, Abstand zu Gebäuden) und nach dem weiteren Vorgehen. Wenn Sie zu Hause nur eine Geruchsentwicklung oder Wärme am Fahrzeug vermuten: nicht in geschlossenen Räumen „beobachten“, sondern Fahrzeug (wenn sicher) ins Freie bringen und professionell prüfen lassen.
Gerade nach Unfällen oder technischen Auffälligkeiten ist „Abstellen und ignorieren“ riskant. Nehmen Sie Hinweise ernst, denn bei E-Auto-Bränden zählt oft die richtige Entscheidung in den Stunden danach.
Fazit: Die meisten Mythen rund um brennende Elektroautos führen in die falsche Richtung: Entweder verharmlosen sie echte Warnzeichen oder sie machen Menschen handlungsunfähig. Beides ist unnötig. Realistisch ist: Brände sind insgesamt selten, können aber bei jeder Antriebsart vorkommen – und bei E-Fahrzeugen kann ein Batterieereignis besonders hitzeintensiv und langwierig sein. Ihre wirksamsten Maßnahmen bleiben einfach und klar: frühzeitig 112 rufen, Menschen in Sicherheit bringen, Abstand halten, keine eigenmächtigen „Technik-Eingriffe“ am Hochvoltsystem, und nach dem Ereignis nicht vorschnell Entwarnung geben. Wenn Sie das beherzigen, ersetzen Sie Panik durch Struktur – und genau das macht im Ernstfall den Unterschied.

